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Plastik oder Skulptur, wo liegt der Unterschied? Im allgemeinen Sprachgebrauch wird vom Laien kein Unterschied gemacht. Beides sind dreidimensionale Objekte und werden auch als solche wahrgenommen. Dabei ist es dem Betrachter meist gleichgültig, ob sie abstrakt oder realistisch dargestellt werden. Vom Grundsatz her ist die Unterscheidung sehr einfach. Eine Plastik wird aus einem bestimmten Material geformt, d.h., sie wird zusammengesetzt. Man kann sich das ganz einfach vorstellen, indem man an seine Kindheit denkt und sich daran erinnert, wie man aus Knete kleine Figuren gefertigt hat. Erst wurde ein Grundkörper geformt und an diesem brachte man Arme, Beine und einen Kopf an. Das Material ist immer formbar und während des Entstehungsprozesses lässt es Raum für Gestaltungsmöglichkeiten. Das Material für eine Plastik ist vielschichtig, es kann z.B. Ton, Wachs, Gips oder auch Glas sein. Bei Bronzeplastiken unterscheidet man das Wachsausschmelz- und das Sandgussverfahren. Im Gegensatz zur Plastik wird die Skulptur aus einem bereits vorhandenen Material herausgearbeitet. Mittels unterschiedlicher Werkzeuge, wie z.B. eines Meißels, wird am Material gearbeitet. Dabei kann es sich um Stein, Holz oder Metall handeln. Im Gegensatz zur Plastik wird bei der Skulptur immer Material abgetragen. Zwischen Plastik (bzw. Skulptur) und der Malerei liegt noch die Kunstform des Reliefs in seinen drei Unterscheidungsarten (Flach-, Halb- und Hochrelief), je nachdem wie weit sich die plastische Darstellung vom Untergrund abhebt. Plastiken und Skulpturen findet man in unserer Stadt in vielfältiger Form in Parkanlagen, auf Plätzen, in Straßen und auf Friedhöfen. Oft als dreidimensionales Objekt aber auch in Form eines Reliefs. Diese Kunstform spielt in der vorliegenden Schrift nur eine untergeordnete Rolle und es werden nur wenige Reliefs vorgestellt. Die sich meist an Häusern befindlichen Reliefs würden allein ein kleines Büchlein füllen. Gegenstand dieser Publikation sind in erster Linie freistehende Objekte. Figürliche Darstellungen werden in der Öffentlichkeit meist bewusster wahrgenommen als an Häusern angebrachte Reliefs. Beginnend im Stadtzentrum, mit der größten Dichte an Kunstwerken, erschließt sich dem Leser die Vielfalt des Vorhandenen bei einem fiktiven Rundgang im Uhrzeigersinn durch Geras Stadtteile. Die Zuordnung der Kunstwerke und ihrer Standorte sind an das amtliche Straßenverzeichnis der Stadt Gera angelehnt. Zu den jeweiligen Standorten der Plastiken und Skulpturen gibt es kurze Abhandlungen zum Umfeld. Diese Abhandlungen machen den Leser auf das historische Umfeld aufmerksam und sollen zum Besuch in der Nähe befindlicher Museen, Einrichtungen oder Parkanlagen und Plätze anregen. Dabei wurde in der Beschreibung auf vorhandene Literatur zurückgegriffen. Die Plastiken auf den drei großen städtischen Friedhöfen (Ostfriedhof, Südfriedhof und Untermhäuser Friedhof) werden aufgrund ihrer Komplexität und Spezifik gesondert abgehandelt. Die Friedhöfe Aga und Langenberg sind in die Stadtteile eingebunden, da dort nur wenige Werke vorhanden sind. Dieses Buch soll als Anregung zu einem Spaziergang durch die Stadt dienen, um die einzelnen Kunstwerke zu besichtigen und intensiver wahrzunehmen. Trotz jahrelanger Beschäftigung mit diesem Thema konnte nicht alles vollständig recherchiert werden. Es bleiben kleine Lücken, die vielleicht in den nächsten Jahren geschlossen werden. Gera ist reich an Plastiken und Skulpturen. Die ältesten noch vorhandenen Zeugnisse dafür findet man im Stadtmuseum, im Küchengarten und z.B. an den Figurenportalen in der Großen Kirchstraße. Die sorgfältig restaurierten Portale zeugen vom ehemaligen Reichtum des Bürgertums. Die wenigen vor 1933 in der Stadt vorhandenen Denkmale aus Bronze wurden zum Großteil in der nationalsozialistischen Zeit als „Metallspende des deutschen Volkes“ eingeschmolzen. Der auf dem Theater sitzende „Genius“ hat durch viel Glück dieses Los nicht teilen müssen. Aus ästhetischen Gründen verzichtete man auf eine Wegnahme der Plastik. Das Fehlen des „Genius“ am Theater hätte die Kuppel zu sehr in den Blickfang gerückt. „Posthumus“ überlebte den Nationalsozialismus unbeschadet, hatte aber im Sozialismus keine Überlebenschance. In einer Nacht- und Nebelaktion wurde er vom Sockel geholt, an eine bis heute unbekannte Stelle verschleppt und mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit eingeschmolzen. Verlässliche Aussagen dazu gibt es trotz umfangreich geführter Recherchen nicht. Aus der unmittelbaren Zeit nach 1945 existieren noch einige steinerne Skulpturen aus Sandstein und Steinguss im Stadtgebiet. Ein volkseigener Betrieb in Rochlitz fertigte aus dem dort abgebauten Porphyrstein Plastiken in Form von Steinguss. Es handelt sich dabei um Massenware. Leider wurden nach 1990 alle Unterlagen dort vernichtet und der bzw. die Urheber der Plastiken, wie z.B. der „Harmonikaspieler“, konnten nicht ausfindig gemacht werden. Die meisten der vorhandenen Bronzeplastiken wurden nach den 1960er Jahren angekauft. Dies ist u.a. dem Umstand zu verdanken, dass die in den Jahren von 1967 bis 1990 jährlich stattgefundene Ausstellung „Plastik im Park“ eine Vielzahl von Kunstwerken in die Stadt brachte. Durch die Kommune wurde eine nicht unbeträchtliche Anzahl der Ausstellungsstücke angekauft und Kunst in die Wohngebiete gebracht. Nach der 1990 stattgefundenen Wiedervereinigung Deutschlands war für derartige Ausstellungen keine finanzielle Grundlage mehr vorhanden und ohne zahlkräftige Sponsoren endete diese Art von Ausstellung im Jahr 1993. Mehr dazu im nächsten Kapitel. Im Anhang des Buches befindet sich ein Verzeichnis über die Bildhauer und ihre Werke in Form einer Tabelle. Diese Übersicht vereinfacht die Suche nach den Plastiken und Skulpturen bzw. die Zuordnung der Werke zu den Bildhauern. Desweitern findet man dort die Kurzbiografien zu 90% der im Buch genannten Bildhauer, soweit sie recherchierbar waren. Zu manchen von ihnen gab es während der Recherchen persönliche, telefonische und schriftliche Kontakte. Einige von ihnen bekamen nach 1990 so gut wie keine Aufträge und waren auch über die Art und Weise des Umgangs mit ihren Werken verbittert. Aus dem öffentlichen Raum wurden nach 1990 nicht wenige Plastiken und Skulpturen aus unterschiedlichen Gründen (z.B. Privatisierung von Grundstücken) verbannt. Dazu kommt in den letzten Jahren verstärkt der Diebstahl aus öffentlichen Anlagen, Friedhöfen, aber auch aus kommunalen Aufbewahrungsplätzen. Den Dieben geht es dabei fast ausschließlich um die Bronzeplastiken. Sanierungsbedürftige Plastiken und Skulpturen, besonders aus Stein oder Beton, werden aus Kostengründen nicht saniert, sondern vernichtet und gehen so für immer verloren. Nicht zu unterschätzen ist der Vandalismus. In Gera sind in den letzten Jahren einige Kunstwerke teils mehrfach beschädigt wurden. Die Plastiken aus Keramik von Spejbl & Hurvinek im Hofwiesenpark wurden zweimal zerstört. Nur durch das persönliche Engagement des Geraer Unternehmers Peter Carqueville ist es möglich, diese bekannten Figuren (heute aus Holz) an ihrem alten Standort zu besichtigen. Plastiken von Volkmar Kühn werden fast regelmäßig durch blinde Zerstörungswut beschädigt. Volkmar Kühn hat in den letzten Jahren viel eigenes Geld in die Reparatur der von ihm geschaffenen und von Vandalen beschädigten Plastiken gesteckt. Auch Handwerker der Stadt Gera haben, oftmals für die Kommune kostenlos, aufwendige Reparaturen an beschädigten Kunstwerken durchgeführt. Ihnen gilt besonderer Dank. Das Buch ist auch als Nachschlagewerk gedacht und entspricht dem mir bekannten Stand Anfang des Jahres 2014.
Gera im Januar 2014
Manfred Otto Taubert
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